Die Kunst der Resilienz

Von Roger Gabriel – Chopra Center 


Jeder Mensch hat ein bestimmtes, ganz eigenes Maß an Belastbarkeit. Von Zeit zu Zeit erleben wir alle Stress, emotionale Erschütterungen und Herausforderungen. Kein Leben ist davon frei. Unsere Belastbarkeit oder Resilienz ist die Fähigkeit, diese Situationen zu überstehen, sich schnell von ihnen zu erholen und zu Gleichgewicht und Harmonie zurückzukehren. Oft hängt unsere Resilienz von den Ressourcen ab, auf die wir zurückgreifen können, z. B. Freunde und Familie, Finanzen, Wissen, frühere Erfahrungen. Bei der Resilienz sollte es jedoch nicht nur ums Überleben gehen, denn wahre Resilienz öffnet uns die Tür zu einem Leben, in dem wir gedeihen und das wir in vollen Zügen genießen können. Was zerbrochen ist, kann repariert werden, was verletzt wurde, kann geheilt werden, und egal wie dunkel es ist, die Sonne wird wieder aufgehen.

Natürliche Belastbarkeit

Eines der besten Beispiele für Resilienz und Widerstandsfähigkeit ist die Natur, die wir jeden Tag um uns herum sehen. Ein Waldbrand brennt alles nieder, aber im nächsten Jahr sprießen die Triebe wieder. Wir verbringen den ganzen Tag damit, Unkraut zu jäten, und kaum haben wir uns umgedreht, ist es wieder da. Eine Tierart ist fast ausgestorben, aber dann taucht sich doch wieder auf und vermehrt sich. Egal, wie sehr wir Menschen Mutter Natur missbrauchen, sie ist immer bereit, zurück zu kommen.

Als Teil der Natur haben wir denselben Widerstandsinstinkt in uns. Doch während die Natur unermüdlich ihre Arbeit macht, sitzen wir viel zu oft herum und beklagen uns über unser Unglück. Resilienz bedeutet, nach Möglichkeiten zu suchen, anstatt sich auf Probleme zu konzentrieren. Wie Stuart Wilde sagte: „Die Angst, etwas nicht zu haben, verschleiert die Tatsache, dass wir alles haben“.

Wir können unsere Resilienz stärken, indem wir:

  • Gesunde Beziehungen in einem starken Freundes- und Familienkreis aufbauen. Ein solches Netzwerk ist vor allem in schweren Zeiten wichtig.
  • Aus vergangenen Erfahrungen lernen.
  • Auf die Signale unseres Körpers achten und uns von ihnen leiten lassen.
  • Immer Hoffnung bewahren.
  • Flexibel bleiben und wissen, dass wir manchmal die Richtung ändern oder anhalten muessen.
  • Starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen.

Körperliche Belastbarkeit

Wenn es um unsere körperliche Gesundheit geht, ist Vorbeugung natürlich besser als Behandlung und Heilung. Abgesehen von Unfällen und Infektionen treten die meisten Gesundheitsprobleme nicht über Nacht auf. Sie sind oft das Ergebnis jahrelanger schlechter Gewohnheiten und Vernachlässigung. Wir alle wissen, dass Rauchen schlecht für uns ist, und doch tun es immer noch Millionen. Es gibt Impfstoffe zur Vorbeugung von Virusinfektionen, und dennoch weigern sich Millionen von Menschen, sie anzuwenden. Körperliche Widerstandsfähigkeit bedeutet, sich um sich selbst zu kümmern – und zwar jetzt.

Unsere körperliche Gesundheit wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, darunter das Klima, Giftstoffe in Alltagsprodukten, verschmutzte Luft, Infektionen, Unfälle und der natürliche Alterungsprozess. Wir haben vielleicht das Gefühl, dass wir auf einige dieser Dinge keinen Einfluss haben, aber bis zu einem gewissen Grad sind wir alle für alles verantwortlich, was geschieht. Es gilt einfach, bewusste Entscheidungen für sich selbst und die Umwelt zu treffen. Dazu gehört auch, sich gesund zu ernähren, ausreichend und guten Schlaf zu bekommen und regelmäßig Sport zu treiben. Wir alle haben schon von großen Ausdauerleistungen gehört, von Menschen, die lebend gerettet wurden, nachdem sie tagelang unter einem eingestürzten Gebäude waren oder sich in der Wildnis verirrt hatten. Jeden Tag ist unser Körper einer mehr oder weniger großen Herausforderung ausgesetzt. Unsere Widerstandsfähigkeit entscheidet darüber, ob diese langfristige, kurzfristige oder vielleicht auch unbemerkte Beschwerden verursachen. Eine belastbare Gesundheit zu haben bedeutet nicht, keine gesundheitlichen Probleme zu haben, sondern sich von diesen nicht beherrschen zu lassen.

Geistige Belastbarkeit

Der Geist ist Heimat unserer Gedanken, Gefühle, Wünsche und Erwartungen. Anders als der Körper, dessen Herausforderungen oft deutlich sichtbar sind, neigt der Geist dazu, seine Probleme zu verbergen oder auch zu verleugnen. Mentale Resilienz ist die Fähigkeit, Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die uns vor den Belastungen des Lebens schützen und einen Zustand des Gleichgewichts und der Ausgeglichenheit erhalten. Wie der Dalai Lama sagt: „In der größten Not liegt das größte Potenzial, Gutes zu tun, sowohl für sich selbst als auch für andere“.

Unsere Gedanken erschaffen unsere Realität. Wenn der Geist also mit Frustrationen, Zweifeln, Befürchtungen und Ängsten gefüllt ist, dann ist das die Welt, die für uns selbst erschaffen haben. Sich Sorgen zu machen, ist das Selbstzerstörerischste, was der Geist tun kann. Sich zu sorgen ist so, als würden wir um das beten, was wir nicht wollen. Um geistig widerstandsfähig zu sein, müssen wir hingegen unsere gewohnte Sichtweise auf die Welt und die Ereignisse unseres Lebens ändern. Es gilt auch, das Leben einfach, unkompliziert zu gestalten, damit es möglichst wenig Herausforderungen und Unannehmlichkeiten schafft. Wir sollten unbedingt vermeiden, uns auf dysfunktionales Verhalten einzulassen oder andere zu verletzen. Stattdessen gilt es, unterstützende Beziehungen aufzubauen.

Bestimmen wir selbst die Dinge oder Menschen, die uns helfen, geerdet, zentriert und optimistisch zu bleiben. In der Natur spazieren gehen, bestimmte Lebensmittel essen, einen besonderen Ort besuchen oder einfach nur auf unsere Atmung achten – es ist wichtig, etwas zu haben, auf das wir zurückgreifen können, wenn wir sehr gefordert oder ueberfordert sind. Resilienz muss nicht gleichbedeutend mit Widerstand oder Reaktion sein, oft beginnt sie mit Akzeptanz. Es geht darum, sich um sich selbst zu kümmern, daher spielen Verständnis, Mitgefühl und Vergebung oft eine wichtige Rolle. Schließlich muss das Ziel die Dankbarkeit sein. Wir erreichen mentale Widerstandsfähigkeit, wenn wir für alles, was das Leben für uns bereit hält wirklich dankbar sind.

Anpassungsfähigkeit und Geduld

Resilienz bedeutet nicht, dass wir übermäßig selbstbewusst sein sollten. Wir brauchen ein klares Verständnis unseres eigenen Potenzials und unserer Fähigkeiten. Zu viel Resilienz kann auch dazu führen, dass wir unangenehme Situationen übermäßig tolerieren oder zu viel Zeit auf unmögliche Ziele verwenden. Resilienz gibt uns jedoch die Fähigkeit, das wiederherzustellen, was zerbrochen ist, sei es physisch oder emotional, in dem Bewusstsein, dass nichts mehr genau so sein kann oder sollte wie vorher. Die Zeit schreitet voran, und Resilienz öffnet uns die Augen für neue Möglichkeiten. Vedische Lehren sagen: „Flexibilität ist der Schlüssel zur Unsterblichkeit„.

Resilienz erfordert Flexibilität, Ausgewogenheit und das Wissen, wann man sich anpassen muss, anstatt vorwärts zu drängen. Wenn wir die Geschichte der Evolution betrachten, ist sie ein ständiger Prozess der Anpassung an sich verändernde Umstände. Deepak Chopra sagt uns: „Du musst den Ort in dir finden, an dem nichts unmöglich ist, und bereit sein, dich jeden Tag neu zu definieren“. Wir müssen vermeiden, starr darauf festgelegt zu sein, wie etwas unserer Meinung nach sein sollte. Manchmal müssen wir uns zurücklehnen und den Dingen geduldig erlauben, sich zu entfalten. Alles hat seine Zeit.

Spirituelle Resilienz

Bei spiritueller Widerstandsfähigkeit geht es darum, uns vor den Ablenkungen zu schützen, die davon abhalten, uns daran zu erinnern, wer wir wirklich sind. Der indische spirituelle Lehrer Bhagavad Gita warnt davor, wenn er sagt: „Drei Dinge sind die Tore der Hölle – Lust, Zorn und Gier, sie führen zum Ruin des Selbst. Vermeide daher all dies. Wer diese drei dunklen Tore durchschreitet, hat die eigene Erlösung, das höchste Ziel erreicht“.

Spirituelle Widerstandsfähigkeit entspringt einer inneren Stärke, unserer Verbindung mit unserem höheren Selbst. Wir verpflichten uns, dem Pfad des Dharma zu folgen, unserem wahren Lebenszweck. Wir haben Vertrauen in die großen Lehren, die vor uns entwickelt wurde und ihre Fußspuren hinterlassen haben, damit wir ihnen folgen können. Aber wahre spirituelle Widerstandskraft ist der Glaube an uns selbst. Der Glaube an das innere Wissen, dass wir uns über jede Herausforderung erheben können. Im Gegensatz zur körperlichen und geistigen Widerstandsfähigkeit begeben wir uns jetzt in einen Zustand des Loslassens, der Hingabe an die Gnade des Göttlichen. „Dein Wille geschehe.“

Dies ist die höchste Stufe der Resilienz. Wir treten aus dem Drama heraus und werden zur Zeugin, zum Zeugen von allem. Wenn wir unser Einssein mit der ganzen Schöpfung erkennen, kann uns nichts schaden, kann nichts schwächen, wer wir wirklich sind. Wir haben die Resilienz überwunden und sind in grenzenlose Freiheit eingetreten.


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24 der Kommentare

  1. Hanspeter Muri-
    26 Oktober 2021 at 8:57

    Ich finde es schade, wenn die Kommentare von der aktuellen Impfdebatte überschattet wird.
    Deepak wird seine Gründe haben, Impfungen zu befürworten. Er ist in einer komplett anderen Kultur aufgewachsen und da bekommt man bei der Geburt das Wohlfühlpacket nicht gleich obendrauf, wie wir es hier in Westeuropa kennen.
    Schlussendlich sollten wir ja lernen, unsere eigene Realität durch Achtsamkeit besser kennen zu lernen, als andere von unserem ganz persönlichen Standpunkt überzeugen zu wollen.

  2. Ursula Eisenhuth-
    22 Oktober 2021 at 21:17

    Der Artikel zur Residenz ist grundsätzlich sehr interessant und gibt viele gute Anregungen, um bei einer Überbelastung wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Die Betrachtung der Natur und deren natürliche Widerstandsfähigkeit ist auch ein sehr guter Hinweis für die Möglichkeiten zur Resilienz und Heilung innerhalb der vom Schöpfer gegebenen Möglichkeiten. Insbesondere wegen der vom Schöpfer gegebenen Möglichkeiten zur Heilung für Natur, Tier und Mensch wundere ich mich sehr über die Aussage im Artikel zur Resilienz, „dass sich immer noch Millionen von Menschen weigern sich vorbeugend gegen Virusinfektionen impfen zu lassen“.
    Ich hätte insbesondere von Ihrem Blog erhofft, dass innerhalb der Resilienz darauf hingewiesen wird, dass wir vom Schöpfer mit einem wunder-vollen Immunsystem ausgestattet sind und dass wir – ebenso wie Natur und Tier – auch ohne bzw. insbesondere ohne vom Mensch erzeugte Impfungen, gesund bleiben können, oder heilen können und sogar mit einem erneut gestärkten Immunsystem aus einer überstandenen Krankheit herauskommen. Ich hatte wohl fälschlicherweise darauf gehofft, dass auf allen Ebenen des Seins darauf hingewiesen wird, wie perfekt unsere Schöpfung ist, wenn wir uns in natürlicher Weise mit ihr in Einklang begeben.
    Vielleicht weigern sich Millionen gegen die Impfung … und gleichzeitig geben sich diese Millionen ganz und voller Vertrauen dem Schöpfer und seiner Schöpfung hin.
    Entspricht dies denn nicht genau dem Weg zu Jesu Christi?

  3. Deepak Chopra Team-
    13 Oktober 2021 at 8:26

    Lieber Stefan,
    vielen Dank für deinen Kommentar und für deine nicht einfach zu beantwortende Frage. Der Weg zu unserem höheren Selbst, dem wir auch mit Hilfe der täglichen Meditation näherkommen, fordert uns zur Selbstbeobachtung auf, bei der wir unsere Verhaltensweisen uns selbst und unseren Mitmenschen gegenüber, nach und nach bessere erkennen. Die „Enthaltsamkeit“, von der auch Patanjali in den Yoga Sutras spricht, bezieht sich auf ein „gemäßigtes“ Verhalten , das wir an unseren wahren Bedürfnissen messen sollten. Unsere wahren Bedürfnisse, auch die sexuellen Bedürfnisse, erkennt demnach jeder für sich selbst anhand der Betrachtung und anhand des Hinterfragens der aufkommenden „Lust“, im jeweiligen Moment. Dieses Verhalten bewahrt uns davor, in eine Art Abhängigkeit dieser zu geraten. Vergleichsweise können wir uns vor einem Stück Schokolade oder einem Glas Wein die Frage stellen, welches Bedürfnis dies eigentlich in mir stillt .Ich hoffe meine Antwort ist für Dich verständlich. Alles Gute weiterhin .Namaste

  4. 5 Oktober 2021 at 14:12

    Danke. Sitze gerade in der Reha
    nach einer Krebs-OP und konnte
    einwenig positives gebrauchen.
    Vieles ist mir so schon bewusst,
    aber es ist schön immer wieder
    einmal von hier z.B. Deepak zu
    hören oder lesen!
    Eine Erklärung: Immer wieder liest
    und hört man, daß die „Lust” zum
    Ruin des Selbst führt. Unter Lust
    verstehe ich auch die sexuelle.
    Aber macht dies nicht ein Teil des
    Menschen aus? Ein selber hartes
    dagegen angehen?
    Diese Frage beschäftigt mich schon
    länger auf meinem spirituellem Weg!

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